Forschungsthemen

I. Evidence-Based Medicine und Evidence-Based Public Health

Evidence-Based Medicine (EBM) wird als Idee in der Regel mit Archibald Cochrane und seinen Arbeiten zu „Effectiveness and Efficiency“ zugeschrieben. Die Grundidee ist es, sich nicht mehr auf „Eminenzbasierung“ – also die alleinige subjektive Meinung „sogenannter Expert_innen“ – zu verlassen, sondern die medizinischen Kenntnisse auf der besten verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz fußen zu lassen. Dies hat zu einer internationalen Bewegung innerhalb der Medizin geführt, die unter anderem mit der Cochrane Collaboration – als wohl sichtbarste Institution – ihren Ausdruck gefunden hat. Der Aufbau einer Bibliothek von systematischen Übersichtsarbeiten und die Weiterentwicklung von erforderlichen Methoden solcher Arbeiten sind hierbei die bemerkenswertesten Leistungen. Wenn es um klinische Evidenz geht, ist die Methodik der Cochrane Collaboration und des dazugehörigen Bereichs der EBM weit entwickelt und weithin anerkannt. Dies betrifft insbesondere Auswahl und Bewertung der Evidenz von randomisierten klinischen Studien in systematischen Übersichtsarbeiten

Evidence-Based Public Health (EBPH) hat das Ziel, Prinzipien der EBM auf den Bereich der öffentlichen Gesundheitsforschung zu übertragen. Public Health ist, einfach ausgedrückt: „die Wissenschaft und Praxis der Prävention von Krankheiten, zur Verlängerung der Lebenszeit sowie Förderung der körperlichen Gesundheit und der Leistungsfähigkeit durch organisierte gesellschaftliche Anstrengungen“. Generell ist die Evidenz von EBPH-Interventionen im Vergleich zu klinischen Interventionen vergleichsweise schwach.

Ein deutlicher Unterschied zwischen EBM und EBPH liegt darin begründet, dass in den meisten Fällen EBPH auf die Forschungsergebnisse experimentell durchgeführter Studien verzichten muss. Trotz Limitierungen bleiben experimentelle Versuchdesigns und Versuchsdurchführungen (wie RCTs) der Goldstandard in der Wissenschaft zur Aufdeckung belastbarer kausaler Zusammenhänge. Daher ist die Ermittlung und Identifizierung von (interventionsbezogener) Evidenz im Bereich EBPH deutlich schwieriger, dies betrifft zudem die externe Validität von Ergebnissen. Einzelne Forschungsergebnisse können teilweise nur unter bestimmten kulturellen, sozialen oder ökonomischen Gegebenheiten valide sein. Im Problem generalisierbarer Annahmen für gesamte Bevölkerungsgruppen/Länder zu identifizieren liegt eine Gemeinsamkeit zum Forschungsfeld der (Makro-)Ökonomie/Ökonometrie.

II. Analytische Ansätze der EBPH-Forschung

Verschiedene analytische Tools und Ansätze für EBPH existieren bereits. Namentlich sind an dieser Stelle (i) Öffentliche Gesundheitsüberwachung, (ii) Systematische Übersichtsarbeiten und evidenzbasierte Leitlinien, (iii) Ökonomische Evaluationen, (iv) Health Impact Assessment und (v) stakeholderorientierte Ansätze zu nennen. Von diesen fünf Ansätzen ist Health Impact Assessment (HIA) ein relativ neuer und umfassender Ansatz, der versucht soziale und umweltbezogene Faktoren weitreichend bei der Bewertung von (sämtlichen) Maßnahmen bezogen auf die Gesundheit untersuchter Gruppen miteinzubeziehen. HIA hat zusehends Fortschritte in der Entwicklung kausaler Verknüpfungen von beabsichtigten und unbeabsichtigten Gesundheitseffekten von Maßnahmen gemacht und verkennt nicht die Relevanz des Einbezugs von Zielpopulationen und Entscheidungsträgern. Insbesondere können durch HIA die Wirkung konkurrierender gesundheitsbezogener Interventionen verglichen bzw. die erwartbaren Effekte quantifiziert werden.

III. Forschungslücken im Bereich EBPH

Welche Ergebnisse können für die Evidenzbewertung herangezogen werden, bzw. wie sollten sie in eine Rangfolge gebracht werden?
Offensichtlich kann die Rangfolge, wie sie in der EBM zum Einsatz kommt, nur in Teilen übernommen werden. Um Evidenz von erfolgreichen Interventionen zu erhalten, sollten innovative Ansätze wie “natural experiments” oder ökonometrische Methoden angewandt und hinsichtlich ihrem Nutzen bewertet werden. EBPH fehlt mithin eine klare Rangordnung des relativen Nutzens neuer oder alternativer Formen bei der Evidenzbewertung.

Wie kann die Evidenz eines Kontextes auf einen neuen Kontext extrapoliert und angewandt werden?
Im Bereich epidemiologischer Forschung ist bereits viel über den Zusammenhang von Risikofaktoren auf gesundheitsbezogene Endpunkte bekannt. Auf der Bevölkerungsebene beeinflussen jedoch unterschiedlichste Faktoren die Wirksamkeit von Interventionen. Vor allem unterscheiden sich Populationsgruppen hinsichtlich ihrer Krankheits- und Risikoprofile, welche aber bei der Quantifizierung eines Interventionseffektes beachten werden müssen. Zudem haben soziale, kulturelle und ökonomische Effekte einen Einfluss wie sich eine Intervention bei der Zielgruppe auswirken und beeinflussen zudem individuelles Verhalten.

Wie kann EBPH öffentliche Gesundheitspolitik und weitere relevante Politikfelder beeinflussen?
Um in der Wahrnehmung der Politik hinsichtlich der Bewertung von Interventionen eine unterstützende Rolle zu spielen, müssen zwei Voraussetzungen an Interventionen – aus EBPH-Sicht – erfüllt sein: (i) Die Konsequenzen einer Implementierung bzw. der Nicht-Implementierung zu quantifizieren sowie (ii) Informationen zu der relativen (Kosten-)Effektivität vergleichbarer und konkurrierender Interventionen bzw. Politikvorschlägen bereitzustellen. Politikentscheidungen sind jedoch nicht immer rationale Prozesse. Es ist immer noch unklar warum unterschiedliche Vorschläge von bestimmten Entscheidungsträger_innen zu einer bestimmten Zeit umgesetzt werden oder nicht, die aus EBPH-Sicht gleichwertig oder aussichtsreicher sind.